Am heutigen 6. Juni 2026 feiert eine absolute Kultstätte des deutschen Fußballs ihren 100. Geburtstag: Die Kampfbahn Rote Erde.
Während nebenan im Westfalenstadion die modernen Rädchen des Millionenbusiness greifen, steht die Rote Erde seit genau einem Jahrhundert als steinernes Denkmal für pure, ungefilterte Fußballromantik. Für uns von Generation09 ist dieser Ort weit mehr als nur eine veraltete Tribüne mit Laufbahn – sie ist die Wiege unserer schwarz-gelben Identität.
Vom Prunkbau zur BVB-Heimat
Als die Kampfbahn am 6. Juni 1926 eingeweiht wurde, ging es sportlich noch etwas vielseitiger zu. Turnfeste, Leichtathletik und Boxkämpfe prägten die Anfangstage. Erst 1937 zog Borussia Dortmund fest in das Stadion ein, da der alte Sportplatz Weiße Wiese dem Ausbau der Hoesch-Werke weichen musste.
Es war der Beginn einer Ära, die den BVB zu dem machte, was er heute ist. In den 1950er und 60er Jahren wurde die Rote Erde zur uneinnehmbaren Festung.
- Die ersten Meisterschaften: 1956, 1957 und 1963 wurde hier das Fundament für die ersten nationalen Titel gelegt.
- Europapokal-Nächte für die Ewigkeit: Wer denkt nicht an das legendäre 5:0 gegen das Starensemble von Benfica Lissabon im Dezember 1963? 42.000 Zuschauer quetschten sich damals in das eigentlich viel zu kleine Stadion.
Die Rote Erde ist der Ort, an dem der BVB laufen lernte. Ohne die dortige Atmosphäre und die Erfolge der Kelbassa- und Schmidt-Ära gäbe es den Mythos Borussia Dortmund heute nicht.
Der Schatten des großen Bruders & das ehrliche Samstagsgefühl
Mit dem Bau des Westfalenstadions zur Weltmeisterschaft 1974 rückte die Rote Erde sportlich in die zweite Reihe. Doch statt an Bedeutung zu verlieren, gewann sie an Seele. Sie wurde zum Rückzugsort für all jene, denen der moderne Fußball manchmal zu schnell, zu steril oder zu kommerziell wird.
Heute ist die Rote Erde die Heimat unserer U23 und der Frauen. Wer hierherkommt, erlebt Fußball, wie er früher war: Der unverkennbare Geruch von Bratwurst, echte Stehplätze ohne Event-Chichi und Gleichgesinnte, die ihr Wochenende genau so und nicht anders verbringen wollen. Ein alter Gassenhauer der Amateure bringt diese Lebenseinstellung seit Jahrzehnten perfekt auf den Punkt:
„Wir brauchen keinen Kuchen, wir brauchen kein Kaffee,
wir ham die Amateure, der Samstag ist ok,
Wir gehn in keine Disco, wir gehn auf kein Konzert,
wir ham die Amateure, das ist der Samstag wert.“
Die neue Ära: Aufbruchstimmung mit den BVB-Frauen
Neben den Amateuren schlägt seit einigen Jahren ein weiteres, neues Herz auf dem heiligen Rasen: Unsere BVB-Frauen. Seit dem Neustart ganz unten in der Kreisliga haben sich die Mädels nicht nur sportlich von Aufstieg zu Aufstieg gekämpft, sondern auch die Rote Erde wieder zu einer echten Festung gemacht.
- Zuschauerrekorde im Amateurbereich: Spiele vor mehreren tausend Menschen sind bei den Top-Spielen keine Seltenheit mehr.
- Nahbarer Fußball: Autogramme nach dem Abpfiff, direktes Abklatschen am Zaun und eine Begeisterung, die zeigt, wie echter, unbeschwerter Fußball aussehen kann.
Die Frauenmannschaften bringen genau die Werte zurück, für die die Rote Erde seit 100 Jahren steht: Leidenschaft, Nahbarkeit und die pure Lust am Spiel.
Unvergessen: Die „Ultras von die Amateure“ (UvdA) und der Block H



Wenn wir über die jüngere Fankultur in der Roten Erde sprechen, kommen wir an einem Namen absolut nicht vorbei: den „Ultras von die Amateure“ (UvdA).
Ganze 15 Jahre lang prägte dieser Zusammenschluss die Stufen im legendären Block H. Egal ob bei strömendem Regen in der Regionalliga oder bei eisigen Temperaturen in der 3. Liga: Die Jungs und Mädels brachten ein Stück echte, rohe Ultrà-Kultur auf den geschichtsträchtigen Beton.
Wer in diesen Jahren im Block H stand, hat Melodien im Ohr, die tief unter die Haut gehen. Es sind Lieder, die den Kern dessen treffen, warum wir diesen Ort, fernab der TV-Gelder und Logenplätze, so sehr lieben:
„Wir stehen wieder in der Roten Erde,
um uns’re Amateure spielen zu seh’n,
weil hier noch der Fußball zählt und nicht die Million’
steht der Block H für dich bereit!
Wir sing‘ für uns’re Freunde vor den Toren,
wir sing’ für uns’re schwarz und gelben Trikots
und für uns’ren großen Traum, ganz oben zu steh’n,
wollen wir Dich siegen seh’n!“
Und wenn die gesamte Kurve einstimmte, getragen von Schals, Fahnen und purem Stolz auf die eigene Vereinsjugend, dann hallte es lautstark über die Laufbahn:
„In der Roten Erde stimmen alle mit ein
für die zweite Mannschaft unseres Ballspielvereins
denn hier spielt man den Fußball noch mit Herz und Verstand
Darum reisen wir auch für unsere zweite durchs Land.
Borussia Dortmund super bvb!“
Im Sommer 2023 gab die Gruppe UvdA bekannt, die dauerhafte, organisierte Unterstützung aufgrund des extremen Pensums und der fanunfreundlichen Terminierungen einzustellen. Ein harter Schlag für die Romantiker unter uns. Doch der Geist ist nie ganz wissenschaftlich wegzudiskutieren – er bleibt. Wenn die Szene heute zu ausgewählten Highlights oder Traditionsduellen im Kollektiv in den Block H zurückkehrt, brennt die Rote Erde stimmungsstark wie eh und je.
Herzlichen Glückwunsch, alte Dame!
100 Jahre Rote Erde bedeuten 100 Jahre Triumphe, Tränen, Aufstiege und vor allem: Gemeinschaft. Sie ist das emotionale Fundament unseres Vereins. Solange hier der Ball rollt, die Bratwurst brutzelt und die Kurve diese Lieder singt, bleibt ein Stück der alten, echten Dortmunder Fußballseele lebendig.